Kings Canyon. Unsere letzte Tour in Australien, bevor es geradewegs nach Christchurch in Neuseeland geht. Wir brechen im Dunkeln in Yulara mit dem Bus auf. Hunderte Kilometer kein Haus, kein Auto, das uns entgegenkommt. Nur gähnendes Land in der beginnenden Hitze des Tages. 40 Grad werden erwartet. Das ist etwas weniger als in den letzten Tagen, berichtet der Fahrer. Vereinzelt sehen wir wilde Kamele, Pferde und Dingos, die tote Kängurus von der Straße zerren. Der Kings Canyon erzählt von Wind und Erosion, und er erzählt vom Meer, das vor mehreren hundert Millionen Jahren hier über der Wüste lag.
Beinahe einen Monat sind wir durch Australien gefahren, gesegelt und gegangen. Eindrücke von einem Land sind immer zufällig, sie sind nie die ganze Wahrheit. Sie sind abhängig davon, wo man gerade stehen bleibt, wo man verweilt, in welche Richtung man schaut und in welches Gespräch man sich verwickeln lässt. Vieles muss sich nun erst setzen - im Kopf, im Bauch, im Herzen - und zu Geschichten formen. Eines läßt sich nach vielen Erfahrungen anderswo aber flink und leichtsinnig sagen: Australien ist ein außergewöhnlich freundliches Land. Man wird schnell angesprochen - im Cafe, am Flughafen, im Bus. Die Menschen sind offen, interessiert und erzählen rasch über sich. Ich denke zurück an das erste Erlebnis - am Immigration Desk im Flughafen von Sydney. Als der Beamte der Border Force unsere Pässe sieht, wechselt er in ein langsames und behäbiges Deutsch mit starkem Akzent: "Ich wünsche ihnen beiden eine schöne Zeit bei uns in Australien." Sein Wunsch wurde erfüllt.
Ebenso schnell wie man die Freundlichkeit wahrnimmt, erkennt man die Regelfülle Australiens. Man will alle möglichen Risken ausschalten. Und dafür steht ein großes Arsenal an Regeln und Vorsichtsmaßnahmen zur Verfügung. So gibt es beispielsweise beim Segeln kein Ankern für die Nacht, ohne dass man bereits um 16 Uhr per Funk seine Anker-Position bekannt gibt. Am nächsten Morgen kommt ein Funkweckruf und man wird nach den Plänen für den Tag befragt. Gut, wenn man welche hat. Eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Straße wird nicht einfach durch ein Verkehrsschild angezeigt - beispielsweise mit der Zahl 80. Bereits einige hundert Meter davor weist eine Tafel darauf hin, dass nun bald die Geschwindigkeit auf 80 reduziert werden wird. Insbesondere an der Ostküste gibt es es eine Art Straßen-Trivial-Pursuit: Riesige Schilder am Straßenrand stellen eine Frage, die 500 Meter später beantwortet wird. Wieder etwas später fordert ein Schild zum Mitmachen auf. Denn so bliebe man wach und am Leben, heißt es. Und im Outback gibt es praktisch keine Situation, in der man nicht darauf hingewiesen wird, dass mindesten ein Liter Wasser pro Stunde getrunken werden soll. Guides sehen es gerne, wenn man seine Wasservorräte aus der Tasche holt und gut sichtbar in die Höhe hält. Und so weiter und so fort.
Den Australiern ist diese Eigenart bewusst: "That's our Nanny State", seufzen sie augenzwinkernd. Und weil es nicht immer gelingt, alle Regeln einzuhalten - weil man eben nicht immer einen Plan für den nächsten Tag hat, oder weil man mit irgendetwas einfach zu spät dran ist - gibt es bei Versäumnissen oder Schwierigkeiten eine ebenso regelgemäße Reaktion: "No worries!" Und das beschreibt die Menschen in Australien vielleicht am besten.
Mittwoch, 18. November 2015
Montag, 16. November 2015
Ein Ort des Zuhörens - Australien
Samstag, 14. November - Northern Territory. Wenige Stunden nach den Anschlägen von Paris landen wir beim Ayers Rock - inmitten der zentralaustralischen Wüste. In der Sprache der Anangu, einem lokalen Stamm der Aborigines, heißt der Berg "Uluru", und er ist ihnen heilig. Er ist seit mehr als 10.000 Jahren ihr spirituelles Zentrum. Entstanden ist der Uluru in der Traumzeit. Geologen erzählen die Geschichte zwar anders, aber das spielt keine Rolle. Hier hören wir den Aborigines zu. Traumzeit?
In der Traumzeit lebten hier die Mala, die Hasenkänguru-Menschen. Ein Stück entfernt - auf der Schattenseite - wohnten die Kunia, die Teppichschlangen-Menschen. Den Berg gab es noch nicht. Beide wurden eines Tages in Kämpfe verwickelt. Die einen mit Kulpunya, einem bösartigen Hund, die anderen mit den Giftschlangen-Menschen. Die Schlachten waren so heftig, dass die Erde zu beben begann und der Uluru sich aus dem Boden hob. In ihm, so heißt es, wurde der Geist der Mala und Kunia zu Stein. Die Traumzeit ist aber keine Urgeschichte. Sie ist eine von Raum und Zeit unabhängige Welt, die stets gegenwärtig ist. Die gesamte physische Welt hat ihren Ursprung in der Traumzeit. Alles kehrt in sie zurück, und alles ist in ihr gleichrangig: Menschen, Tiere, Pflanzen - Erde und Steine ebenso.
Die Lebensweise der Aborigines war - gemessen an europäischen Verhältnissen - über die Jahrtausende primitiv, ohne Technologie, eng verwoben mit dem Rhythmus der kargen Natur. Dennoch haben sie eine komplexe Mythologie und gedanklich fein gegliederte Spiritualität entwickelt. Gibt es da nicht eine Nähe zu ...? Schluss damit. Schlaue Parallelen zu dem, woher man selbst kommt, verdrehen nur. Sie verdeuten das Vieldeutige. Wir müssen es einfach so stehen lassen. Darum bitten auch die Aborigines - auf Schrifttafeln im nahegelegenen Kulturzentrum. Man möge den Berg nicht besteigen, ersuchen sie, denn der Uluru sei - so geht ihre Bitte weiter - ein Ort des Zuhörens und Verstehens. Nicht alle folgen diesem Wunsch.
Am Abend lesen wir Berichte über Paris, wenige, nur das Allernötigste. Denn es ist nicht viel nötig, um zu verstehen oder nicht zu verstehen. Nichts bleibt in diesen Tagen ungesagt, nichts ungedacht. Jeder weitere Satz darüber wäre nach-gesagt, jeder Gedanke bloß nach-gedacht. In der Mittagshitze ist es still am Uluru. Nur die heiße Luft ist zu hören wie sie über die roten Felsen hinweg durch die Eukalyptusblätter weht. Es ist ein Ort des Zuhörens. Und das ist auch das Einzige, das uns hier in der australischen Wüste zu Paris einfällt: dass wir nichts dringender brauchen als Orte des Zuhörens und des Verstehens.
In der Traumzeit lebten hier die Mala, die Hasenkänguru-Menschen. Ein Stück entfernt - auf der Schattenseite - wohnten die Kunia, die Teppichschlangen-Menschen. Den Berg gab es noch nicht. Beide wurden eines Tages in Kämpfe verwickelt. Die einen mit Kulpunya, einem bösartigen Hund, die anderen mit den Giftschlangen-Menschen. Die Schlachten waren so heftig, dass die Erde zu beben begann und der Uluru sich aus dem Boden hob. In ihm, so heißt es, wurde der Geist der Mala und Kunia zu Stein. Die Traumzeit ist aber keine Urgeschichte. Sie ist eine von Raum und Zeit unabhängige Welt, die stets gegenwärtig ist. Die gesamte physische Welt hat ihren Ursprung in der Traumzeit. Alles kehrt in sie zurück, und alles ist in ihr gleichrangig: Menschen, Tiere, Pflanzen - Erde und Steine ebenso.
Die Lebensweise der Aborigines war - gemessen an europäischen Verhältnissen - über die Jahrtausende primitiv, ohne Technologie, eng verwoben mit dem Rhythmus der kargen Natur. Dennoch haben sie eine komplexe Mythologie und gedanklich fein gegliederte Spiritualität entwickelt. Gibt es da nicht eine Nähe zu ...? Schluss damit. Schlaue Parallelen zu dem, woher man selbst kommt, verdrehen nur. Sie verdeuten das Vieldeutige. Wir müssen es einfach so stehen lassen. Darum bitten auch die Aborigines - auf Schrifttafeln im nahegelegenen Kulturzentrum. Man möge den Berg nicht besteigen, ersuchen sie, denn der Uluru sei - so geht ihre Bitte weiter - ein Ort des Zuhörens und Verstehens. Nicht alle folgen diesem Wunsch.
Am Abend lesen wir Berichte über Paris, wenige, nur das Allernötigste. Denn es ist nicht viel nötig, um zu verstehen oder nicht zu verstehen. Nichts bleibt in diesen Tagen ungesagt, nichts ungedacht. Jeder weitere Satz darüber wäre nach-gesagt, jeder Gedanke bloß nach-gedacht. In der Mittagshitze ist es still am Uluru. Nur die heiße Luft ist zu hören wie sie über die roten Felsen hinweg durch die Eukalyptusblätter weht. Es ist ein Ort des Zuhörens. Und das ist auch das Einzige, das uns hier in der australischen Wüste zu Paris einfällt: dass wir nichts dringender brauchen als Orte des Zuhörens und des Verstehens.
Samstag, 14. November 2015
Über das Schöne, Schroffe und Unnahbare - Australien
Die Idee gab es schon lange. Aber mit dem Bau wurde erst 1919 begonnen. Arbeit war nötig für tausende Soldaten, die den Ersten Weltkrieg überlebt hatten. Sie wurden heimgeholt und von der Front zum Straßenbau geschickt. Auf diese Weise bekamen die Küstenorte südlich von Melbourne, die bis dahin nur über den Seeweg erreichbar waren, eine Verbindung über Land. Und Australien bekam so eine der schönsten Küstenstraßen der Welt. Die Rede ist von der Great Ocean Road, an deren 240 Kilometer fast 15 Jahre gebaut wurde.
Es regnet, als wir in Melbourne aufbrechen. Erst beim Leuchturm am Aireys Inlet wird die Wolkendecke brüchig und die Sonne versucht, uns zu wärmen, während der kühle Wind vom Pazifik hereinweht. Die Küste führt hier nicht zum Meer, sie bricht steil ab. Sind die wogenden Schatten dort unten Rochen oder Schildkröten? Oder ist es nur Seegras? Die eigene Vorstellung muss stärker sein als das freie Auge. Im kleinen Fischerhafen von Apollo Bay essen wir Fish & Chips aus dem Pappkarton. Möwen gehen vor uns auf und ab - auf der Suche nach Fischresten. Die wenigen Fischer, die es hier im letzten Hafen der Region noch gibt, sind schon nach Hause gegangen. Wo an Land Platz ist, stehen Schafe im Gras - oder Kühe.
Zurück auf der Straße fällt der Blick wieder tief hinunter ins Meer. Das Land endet hier schroff im Wasser. Und ebenso schroff beginnt es. Gnadenlos in beide Richtungen. Küsten sind nicht nur eine Augenweide, sie sind auch Grenzen. Je steiler und schroffer sie sind, desto schöner erscheinen sie uns. Aber sie werden dadurch auch unüberwindlicher und unnahbarer. Jeder, der hier an Land kommen möchte, braucht eine helfende Hand. Ein Land wie Australien, das ganz von Wasser umgeben ist, hat eine von Natur aus gnadenlose Grenze. Umso mehr braucht es freisinnige und offenherzige Menschen, die an der Küste helfend ihre Hand ausstrecken. Tut Australien das? Tut es Europa? Was würde Europa tun, wenn es eine ebenso gnadenlose Grenze um sich hätte wie Australien?
Weit draußen brechen sich die Wellen. Und sie brechen sich hart an den ausschweifenden Gedanken. Eine gnadenlos bewachte Grenze verändert die Geschützten vermutlich stärker als die Schutzsuchenden. Denn sie werden ihren offenen und freien Blick für das Meer verlieren - und die Freude an ihrer Küste.
Es regnet, als wir in Melbourne aufbrechen. Erst beim Leuchturm am Aireys Inlet wird die Wolkendecke brüchig und die Sonne versucht, uns zu wärmen, während der kühle Wind vom Pazifik hereinweht. Die Küste führt hier nicht zum Meer, sie bricht steil ab. Sind die wogenden Schatten dort unten Rochen oder Schildkröten? Oder ist es nur Seegras? Die eigene Vorstellung muss stärker sein als das freie Auge. Im kleinen Fischerhafen von Apollo Bay essen wir Fish & Chips aus dem Pappkarton. Möwen gehen vor uns auf und ab - auf der Suche nach Fischresten. Die wenigen Fischer, die es hier im letzten Hafen der Region noch gibt, sind schon nach Hause gegangen. Wo an Land Platz ist, stehen Schafe im Gras - oder Kühe.
Weit draußen brechen sich die Wellen. Und sie brechen sich hart an den ausschweifenden Gedanken. Eine gnadenlos bewachte Grenze verändert die Geschützten vermutlich stärker als die Schutzsuchenden. Denn sie werden ihren offenen und freien Blick für das Meer verlieren - und die Freude an ihrer Küste.
Donnerstag, 12. November 2015
Eigene Geschichte aus der Ferne - Melbourne
11. November. Unser erster Morgen in Melbourne. Nichts kommt mir an diesem Datum bemerkenswert vor. Nichteinmal der Faschingsbeginn fällt mir ein. Tatsächlich nehmen die Australier diesen Tag auch ernster. Es ist Rememberance Day. Der Erste Weltkrieg wurde mit dem Waffenstillstand von Compiègne beendet. In diesem wurde festgelegt, dass alle Kampfhandlungen am elften Tag des elften Monats um elf Uhr enden sollten. Seither wird im Commonwealth am 11. November der Kriegstoten gedacht. All das lerne ich erst einige Stunden später, vermutlich zum zweiten Mal. Als wir am Morgen aus dem Haus gehen, denke ich noch nicht daran. Ich sehe in der Tram rote Blumen an den Sakkos, Blusen und Pullover vieler Menschen, kann sie aber nicht deuten. Noch bin ich fremd in der eigenen Geschichte.
Am Rückweg von der Toorak Road, in der ich nach langer Recherche den einzig brauchbaren Tabakladen Australiens gefunden habe, komme ich zufällig am Shrine of Rememberance vorbei - dem größten Kriegsdenkmal Victorias. Schulkinder, Männer in historischen Offiziers- und Matrosenuniformen, ein Feld roter Plastikblumen mit Gedenkkarten vor dem Gebäude. Ich bin neugierig und trete ein. Im Untergeschoß der eigentlichen Gedenkstätte befindet sich ein Museum, in dem ich mich unschlüssig umschaue. Es ist nach 11 Uhr und die Veranstaltung bereits zu Ende. Die Menschenmenge beginnt sich aufzulösen.
Plötzlich kommt eine ältere Dame auf mich zu - in der Uniform einer Museumswärterin. Ob ich zum ersten Mal hier sei? Ich müsse im Kreis gehen, sagt sie. Gleich links ist alles über den Ersten Weltkrieg zu finden, dann kommt der Zweite Weltkrieg, anschließend alle Kriege danach und am Ende gibt es die Friedenssektion. Ein klares Konzept. Woher ich komme, möchte sie noch wissen. Ich zögere kurz und höre mich dann sagen: "Aus Österreich. Wir haben den Ersten Weltkrieg begonnen." Sie schaut mich eine Weile an, lächelt warmherzig und klopft mir freundschaftlich auf die Schulter: "Das ist ein schönes Land. Ich habe meinen Sohn dort hingeschickt, damit er Skifahren lernt. Ursprünglich bin ich ja aus Wales." - Ich möchte mich in Zukunft am 11. November an diese kleine Begebenheit erinnern. Mein Rememberance Day.
Am Rückweg von der Toorak Road, in der ich nach langer Recherche den einzig brauchbaren Tabakladen Australiens gefunden habe, komme ich zufällig am Shrine of Rememberance vorbei - dem größten Kriegsdenkmal Victorias. Schulkinder, Männer in historischen Offiziers- und Matrosenuniformen, ein Feld roter Plastikblumen mit Gedenkkarten vor dem Gebäude. Ich bin neugierig und trete ein. Im Untergeschoß der eigentlichen Gedenkstätte befindet sich ein Museum, in dem ich mich unschlüssig umschaue. Es ist nach 11 Uhr und die Veranstaltung bereits zu Ende. Die Menschenmenge beginnt sich aufzulösen.
Plötzlich kommt eine ältere Dame auf mich zu - in der Uniform einer Museumswärterin. Ob ich zum ersten Mal hier sei? Ich müsse im Kreis gehen, sagt sie. Gleich links ist alles über den Ersten Weltkrieg zu finden, dann kommt der Zweite Weltkrieg, anschließend alle Kriege danach und am Ende gibt es die Friedenssektion. Ein klares Konzept. Woher ich komme, möchte sie noch wissen. Ich zögere kurz und höre mich dann sagen: "Aus Österreich. Wir haben den Ersten Weltkrieg begonnen." Sie schaut mich eine Weile an, lächelt warmherzig und klopft mir freundschaftlich auf die Schulter: "Das ist ein schönes Land. Ich habe meinen Sohn dort hingeschickt, damit er Skifahren lernt. Ursprünglich bin ich ja aus Wales." - Ich möchte mich in Zukunft am 11. November an diese kleine Begebenheit erinnern. Mein Rememberance Day.
Dienstag, 10. November 2015
Auf Sand gebaut - Australien
Zwischen Town of 1770 und Hervey Bay liegt praktisch nichts. Außer Bundaberg mit seinem hierzulande berühmten Rum und Childers mit seinem wunderbaren Cafe im alten Postgebäude. Fantastische Kuchen gibt es dort: Orange-Mandel, Zucchini-Pistazzie, dazu behutsam zubereiteten Kaffee. Zurück auf der Straße reiht sich wieder Zuckerrohrfeld an Zuckerrohrfeld. Nur ab und zu bringt eine Obstplantage Abwechslung in das eintönige Bild. Endlich kommen wir an. Die Pier in Hervey Bay scheint fast bis Fraser Island zu reichen. Sie verschwindet im Dunst, endet aber doch irgendwo im Ozean, dort, wo Fischer ihre Angeln über das Geländer auswerfen. Eine riesige Schildkröte taucht auf und schnell wieder ab. An den Angelhaken hängen zappelnde Köderfische und warten blutend auf ihren Einsatz.
Bei den Aborigines hieß die Insel K'Gari, Paradies. Erst die Europäer nannten sie Fraser, nachdem Eliza und ihr Mann, Captain James Fraser, 1836 dort Schiffbruch erlitten hatten. Der Captain starb, während seine Frau von den Einheimischen an das Ufer der Insel gerettet werden konnte. Später erkannte man den Wert des wasserbeständigen Satinay-Holzes, vertrieb die Aborigines, die Eliza gerettet hatten, holzte große Teile des Regenwaldes ab und begann zudem mit dem Abbau des außergwöhnlich feinen, mineralhaltigen Inselsandes. Erst in den 1990er Jahren ließ man sich eines Besseren belehren. Die Insel überlebte.
Heute ist Fraser Island Weltnaturerbe und wird von tausenden Touristen besucht oder heimgesucht. Der Strand ist ein offiziell registrierter Highway, der je nach Ebbe und Flut mehr oder weniger leicht befahren werden kann - Höchstgeschwindigkeit 80. Kris, unser Fahrer, hält sich genau daran und lenkt den Toyota V8 Geländewagen sicher über den regennassen Strand. Die Insel - und das macht sie weltweit einzigartig - besteht bis tief in den Meeresgrund ausschließlich aus Sand. Und trotzdem wächst auf ihr ein üppiger, tropischer Regenwald. Der Herr baut doch auf Sand! Kris erzählt, dass sich die Insel in der Strömung des Meeres ganz langsam Richtung Nord-West bewegt. Obwohl es ihr draußen auf dem Ozean besser gehen würde, wird sie irgendwann ein Teil des australischen Festlandes sein. Aber diese Vereinigung wird erst in ein paar tausend Jahren erwartet.
Bei den Aborigines hieß die Insel K'Gari, Paradies. Erst die Europäer nannten sie Fraser, nachdem Eliza und ihr Mann, Captain James Fraser, 1836 dort Schiffbruch erlitten hatten. Der Captain starb, während seine Frau von den Einheimischen an das Ufer der Insel gerettet werden konnte. Später erkannte man den Wert des wasserbeständigen Satinay-Holzes, vertrieb die Aborigines, die Eliza gerettet hatten, holzte große Teile des Regenwaldes ab und begann zudem mit dem Abbau des außergwöhnlich feinen, mineralhaltigen Inselsandes. Erst in den 1990er Jahren ließ man sich eines Besseren belehren. Die Insel überlebte.
Heute ist Fraser Island Weltnaturerbe und wird von tausenden Touristen besucht oder heimgesucht. Der Strand ist ein offiziell registrierter Highway, der je nach Ebbe und Flut mehr oder weniger leicht befahren werden kann - Höchstgeschwindigkeit 80. Kris, unser Fahrer, hält sich genau daran und lenkt den Toyota V8 Geländewagen sicher über den regennassen Strand. Die Insel - und das macht sie weltweit einzigartig - besteht bis tief in den Meeresgrund ausschließlich aus Sand. Und trotzdem wächst auf ihr ein üppiger, tropischer Regenwald. Der Herr baut doch auf Sand! Kris erzählt, dass sich die Insel in der Strömung des Meeres ganz langsam Richtung Nord-West bewegt. Obwohl es ihr draußen auf dem Ozean besser gehen würde, wird sie irgendwann ein Teil des australischen Festlandes sein. Aber diese Vereinigung wird erst in ein paar tausend Jahren erwartet.
Samstag, 7. November 2015
In den Süden bis 1770 - Australien
Wir brechen im Morgengrauen in der Nara-Bucht auf. Das Boot muss am frühen Vormittag im Hafen von Airlie Beach zurück sein. Wir schaffen es rechtzeitig. Jetzt stehen unsere Rücksäcke erstmals wieder an Land, am Straßenrand. Wir wollen in den Süden und entscheiden uns für einen Mietwagen. Fünf Tage werden wir uns Zeit nehmen - für die gut 1000 Kilometer nach Brisbane und ein klein wenig Verweilen. Keine Stadt, kein Dorf, kein Gasthaus. Nur vereinzelt kleine Farmhäuser mit endlos viel Land. Ab und zu ein "Fuel & Food" in Wellblech. Es ist nach Mittag. "Sie haben wirklich noch Frühstück?" "Ja, Frühstück gibt es bei uns immer." Speck, Eier, Kartoffel. Wir lassen uns vorsichtig in die Plastikstühle fallen. Straßenarbeiter fragen nach dem Klo-Schlüssel, Kinder kaufen Schokolade. Draußen sitzen zwei Gangmitglieder von den "Rebels Australia" auf ihren Harleys und trinken Mineralwasser.
Wieder hinaus auf die linke Fahrbahnseite, vorbei an Zuckerrohrfeldern, Brachland und Rinderherden. Die Straße ist gesäumt von toten Wallabies. Wir nähern uns Rockhampton, Australiens Rindfleisch-Hauptstadt - wie uns Plakate erklären. In einer Tankstelle liegt das "Farmer direct" zur freien Entnahme auf - Australia's largest circulating statewide rural catalogues. Darin findet sich alles, was ein Farmer braucht: Gabelstapler, Drillbohrer, Kettensägen, Hörgeräte und ein Handy, das nur telefonieren und keinen Nonsense kann - so verspricht es das ganzseitige Inserat. Ich blättere bis zum Ende und finde die Buchrubrik: "Home Sausage Making", "Basic Butchering" und "Chicken Health Handbook" sind die Bestseller.
Spät am Abend - ständig in Acht vor Kangaroos, die über die Fahrbahn springen - erreichen wir "Town of 1770". Captain Cook betrat hier das zweite Mal Australien - im Jahr 1770. Darüber freute man sich immerhin so sehr, dass man diese Handvoll Häuser an der Küste danach benannte. Die "Queensland Historical Society" freute sich auch - ein wenig jedenfalls - und errichtete draußen auf dem Round Hill ein Cook-Denkmal, das ebenso bescheiden ist, wie es Cook selber war. Es ist eine kleine Steinpyramide mit einer Gedenktafel: "Under the Lee of this Point Lieutenant James Cook landed on 24th May 1770." Auf ein Portrait oder eine Büste hat man verzichtet. Inmitten von Surfern, Rindfleisch und Tauchern bleibt Cook doch ein Fremder. Er war damals fremd, und er ist es heute.
Wieder hinaus auf die linke Fahrbahnseite, vorbei an Zuckerrohrfeldern, Brachland und Rinderherden. Die Straße ist gesäumt von toten Wallabies. Wir nähern uns Rockhampton, Australiens Rindfleisch-Hauptstadt - wie uns Plakate erklären. In einer Tankstelle liegt das "Farmer direct" zur freien Entnahme auf - Australia's largest circulating statewide rural catalogues. Darin findet sich alles, was ein Farmer braucht: Gabelstapler, Drillbohrer, Kettensägen, Hörgeräte und ein Handy, das nur telefonieren und keinen Nonsense kann - so verspricht es das ganzseitige Inserat. Ich blättere bis zum Ende und finde die Buchrubrik: "Home Sausage Making", "Basic Butchering" und "Chicken Health Handbook" sind die Bestseller.
Spät am Abend - ständig in Acht vor Kangaroos, die über die Fahrbahn springen - erreichen wir "Town of 1770". Captain Cook betrat hier das zweite Mal Australien - im Jahr 1770. Darüber freute man sich immerhin so sehr, dass man diese Handvoll Häuser an der Küste danach benannte. Die "Queensland Historical Society" freute sich auch - ein wenig jedenfalls - und errichtete draußen auf dem Round Hill ein Cook-Denkmal, das ebenso bescheiden ist, wie es Cook selber war. Es ist eine kleine Steinpyramide mit einer Gedenktafel: "Under the Lee of this Point Lieutenant James Cook landed on 24th May 1770." Auf ein Portrait oder eine Büste hat man verzichtet. Inmitten von Surfern, Rindfleisch und Tauchern bleibt Cook doch ein Fremder. Er war damals fremd, und er ist es heute.
Donnerstag, 5. November 2015
An Bord in den Whitsundays - Australien
Wie kann man es erklären? Wie kann man das Segeln erklären, das enge Leben an Bord? Wie kann man erzählen, dass nichts schöner ist? Mag sein, dass jedes x-beliebige Hotelzimmer geräumiger und komfortabler ist als ein Boot, in dem man sich dauernd den Kopf anschlägt - an der Kabinendecke, am Türrahmen, an der Sprayhood. Und doch ist nichts schöner. Es ist, als wäre man nicht auf der Welt. Ohne einen Fuß an Land, verliert man die Welt hinter dem Heck - leise und langsam im Dunst verschwimmender Bedeutsamkeiten. Wenn man morgens aufwacht und Sorgen hat, dann sind es eigene, nicht die Sorgen der Welt.
Der Tag beginnt meist früher als man möchte. Es ist noch lange nicht hell und die Ankerkette schnarrt laut. Das Boot dreht im Nachtwind. Ich schrecke kurz auf, strecke mich zur kleinen Kabinenluke: frische Nachtluft, Sterne hinter Wolkenschleiern. Das Boot ist noch an derselben Position. Petra schläft vertrauensvoll. Ich sinke zurück in den schmalen Polster und schlafe auch wieder ein - jedenfalls halb. Erstes Licht, sanfte Sonnenstrahlen. Der Morgen beginnt mit einem kurzen, aber herzlichen Dank dafür, dass der Anker die ganze Nacht gehalten hat. Das Boot liegt ruhig. Ein erster Sprung ins morgenfrische Wasser. Während ich um den Bug schwimme, sehe ich Petra an Deck kommen. Sie springt auch. Mag sein, dass ein Frühstück im Hotel oder Zuhause vielfältiger ist als an Bord. Aber nichts ist so wundervoll wie das Brot, der Tee und die Früchte, die wir an Deck tragen, oder die Spiegeleier, die wir nahe am Wasser braten, während die kleinen Wellen mit dem ersten Tageslicht spielen.
Wir heben den Anker und verlassen die Abdeckung der Bucht. Wind. Wir spüren die Kraft im Segel, den Zug und die Lage des Bootes. Manchmal ist das Meer bleiern, grau und beängstigend. Gischt weht über den Bug. Feiner Regen sticht ins Gesicht - kälter als erwartet. Mag sein, dass man sich jetzt einen Kaffee auf einer ruhigen Hotelterrasse wünscht. Aber doch ist nichts schöner. Denn man weiß, wie glanzvoll das Wasser sein kann, wie vertraut, sanft und liebevoll. Wir spüren die harten Schläge des Bootes in den Knien, gewöhnen uns an sie und bewegen uns mit den Wellen. Wir vertrauen dem Wasser und dem Boot. Wir vertrauen darauf, dass die Wolkendecke aufbricht, die Sonne durchscheint und das Wasser ruhiger wird.
Es dämmert. Die Nacht kommt früh. Mag sein, dass ein Menü im Restaurant raffinierter und umfangreicher ist als an Bord. Aber nichts schmeckt besser als eine Schüssel Pasta, die wir nach dem Ankern unter Deck kochen. Das Boot schaukelt in den langen Wellen der weit geöffneten Bucht. Wir halten die Weingläser fest und stoßen an: auf den Tag, auf die Nacht, auf den Anker, der uns bis zum Morgen halten wird. Wie kann man das alles erklären - das Segeln, das wohlige Versinken der Welt? Mir fällt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann ein. Erklärungen werden da gesucht - für Unerklärbares. Dann heißt es aber: "... Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander/durch jedes Feuer gehen/Kein Schauer jagd ihn, und es schmerzt ihn nichts." - Der Anker hält.
Der Tag beginnt meist früher als man möchte. Es ist noch lange nicht hell und die Ankerkette schnarrt laut. Das Boot dreht im Nachtwind. Ich schrecke kurz auf, strecke mich zur kleinen Kabinenluke: frische Nachtluft, Sterne hinter Wolkenschleiern. Das Boot ist noch an derselben Position. Petra schläft vertrauensvoll. Ich sinke zurück in den schmalen Polster und schlafe auch wieder ein - jedenfalls halb. Erstes Licht, sanfte Sonnenstrahlen. Der Morgen beginnt mit einem kurzen, aber herzlichen Dank dafür, dass der Anker die ganze Nacht gehalten hat. Das Boot liegt ruhig. Ein erster Sprung ins morgenfrische Wasser. Während ich um den Bug schwimme, sehe ich Petra an Deck kommen. Sie springt auch. Mag sein, dass ein Frühstück im Hotel oder Zuhause vielfältiger ist als an Bord. Aber nichts ist so wundervoll wie das Brot, der Tee und die Früchte, die wir an Deck tragen, oder die Spiegeleier, die wir nahe am Wasser braten, während die kleinen Wellen mit dem ersten Tageslicht spielen.
Wir heben den Anker und verlassen die Abdeckung der Bucht. Wind. Wir spüren die Kraft im Segel, den Zug und die Lage des Bootes. Manchmal ist das Meer bleiern, grau und beängstigend. Gischt weht über den Bug. Feiner Regen sticht ins Gesicht - kälter als erwartet. Mag sein, dass man sich jetzt einen Kaffee auf einer ruhigen Hotelterrasse wünscht. Aber doch ist nichts schöner. Denn man weiß, wie glanzvoll das Wasser sein kann, wie vertraut, sanft und liebevoll. Wir spüren die harten Schläge des Bootes in den Knien, gewöhnen uns an sie und bewegen uns mit den Wellen. Wir vertrauen dem Wasser und dem Boot. Wir vertrauen darauf, dass die Wolkendecke aufbricht, die Sonne durchscheint und das Wasser ruhiger wird.
Es dämmert. Die Nacht kommt früh. Mag sein, dass ein Menü im Restaurant raffinierter und umfangreicher ist als an Bord. Aber nichts schmeckt besser als eine Schüssel Pasta, die wir nach dem Ankern unter Deck kochen. Das Boot schaukelt in den langen Wellen der weit geöffneten Bucht. Wir halten die Weingläser fest und stoßen an: auf den Tag, auf die Nacht, auf den Anker, der uns bis zum Morgen halten wird. Wie kann man das alles erklären - das Segeln, das wohlige Versinken der Welt? Mir fällt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann ein. Erklärungen werden da gesucht - für Unerklärbares. Dann heißt es aber: "... Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander/durch jedes Feuer gehen/Kein Schauer jagd ihn, und es schmerzt ihn nichts." - Der Anker hält.
Abonnieren
Posts (Atom)
































































