Am Morgen lässt der Wind nach, und er lässt bleigraue Wolken über Wellington liegen. Wir brechen auf. Der Tag lichtet sich langsam, während wir den Hafen entlangfahren. Regen, Sonne und Wein begleiten uns Richtung Norden. Genau genommen: Riesling, Merlot und Chardonnay. Manchmal wärmt die Sonne. Immer kühlt der Wind. An einem Morgen in Napier treffe ich unseren Nachbarn aus dem Wohnwagen beim Zähneputzen. Von der regnerischen Westküste sei er, erzählt er. Aber seine Urlaube verbringe er immer hier im Osten, weil es da eben viel wärmer und sonniger sei. Wir schauen beide durch die Oberlichte in den Nieselregen hinaus. Es hat 12 Grad. Und ich kann keine Ironie in seinem Tonfall erkennen.
Weiter Richtung Norden. In Gisborne entscheiden wir uns für den Pacific Coast Highway, rund um das ganze East Cape. Der "Lonely Planet" verspricht eine einsame Gegend. Der Highway hält Wort. Kaum ein Haus. Geschäfte sind verwaist, Cafes geschlossen. Nur Wald und tiefe Buchten. In Tolaga Bay stoßen wir plötzlich auf ein offenes Cafe - und eine Bäckerei. 700 Menschen leben hier. Und sie betreiben einen eigenen Radiosender. Wir stellen uns mit dem Wohnmobil vor das Sendegebäude, betrachten die alten Radios in der Auslage und empfangen tatsächlich UAWA FM - dank einer kleinen Antenne gleich gegenüber. Das Programm kann in einem Radius von gut 100 Metern empfangen werden. Das genügt, um alle Bewohner mit Country Music, Dorfnachrichten und den neuesten Angeboten der Bäckerei zu versorgen. Wir fahren weiter. Nach dem Ortsschild reißt der Empfang ab. Das Sendermotto "Keeping it Coastie, Keeping it Real!" bleibt rätselhaft.
Die Kirche 100 Kilometer weiter in Tikitiki sei einzigartig, heißt es. Tatsächlich, es handelt sich um eine christliche Maori-Kirche mit wundervollen Schnitzereien. Mag sein, dass das einzigartig ist. Wir finden die Kirche einfach freundlich. Nicht nur weil schmutzige Schuhe draußen bleiben müssen - für ramponierte Seelen gibt es keine entsprechende Anweisung -, sondern weil es für jeden Besucher einen bunten Sitzpolster gibt. Und das ist eine wahrhaft menschenfreundliche Geste - weitaus freundlicher als jene kalten und harten Pritschen, auf denen wir bei Mitternachtsmetten unsere Kinderärsche abgefroren haben. - Es war ein langer Tag. Wir erreichen Opotiki. Die Managerin des Campingplatzes erwartet uns an der Einfahrt. Der Wind ist kühl. Es fröstelt uns. Dann der gewohnte Gesprächsbeginn: "How are you?" "I'm good and you?" "Oh my god, it's a hot day, but I'm good." Wieder entdecken wir keine Ironie im Tonfall. Aber langsam lernen wir, wie kühl in Neuseeland ein heißer Tag sein darf.
Dienstag, 15. Dezember 2015
Samstag, 12. Dezember 2015
Wind im Kopf - Neuseeland
Die Wellen sind lang und unerwartet tief zwischen der Süd- und der Nordinsel. Das mächtige Fährschiff schwankt spürbar. Und sichtbar wird einigen übel. Auf den Toiletten auch hörbar. Dann treibt uns der Wind in den Hafen von Wellington hinein. Die Stadt ist in den Schatten der Abendsonne gehüllt. Anderntags streifen wir durch die Straßen. Wir wünschen uns, es würde Handläufe an den Häuserwänden geben, damit wir uns festhalten können - so stark wehen die Windböen durch die Stadt. Wir ziehen unsere Windjacken bis über das Kinn zu und frösteln. Frauen tragen leichte Sommerkleider und lachen in den Straßencafes.
Unten am Hafen steht das "Te Papa Tongarewa", das gewaltige Nationalmuseum Neuseelands. Der Maori-Name heißt übersetzt "Ort der Schätze". Und diese werden auf sechs Etagen gezeigt - anziehend, lebendig, ohne Augen und Kopf zu überladen. Ein ganzes Stockwerk ist dem Einfluss des Menschen auf die Naturlandschaft Neuseelands gewidmet. Wie massiv und rasch sich dieser zeigt, kann man in Neuseeland besonders eindrucksvoll sehen. Bis vor 1.000 Jahren war dieses Land vollkommen isoliert und unberührt. Die Maori hinterließen die ersten nachhaltigen Spuren, und mit der Ankunft der europäischen Siedler vor gut 200 Jahren wurden diese Spuren tiefer. In nur einem Jahrtausend menschlicher Siedlungs-Geschichte verlor Neuseeland den Großteil seiner ursprünglichen Natur.
Die Ausstellung beschönigt nicht, sie klagt aber auch nicht an. Denn die Siedler mussten - um überleben zu können - das Land in ihrem Sinn kultivieren, die Maori ebenso wie die Europäer. Es wurde gerodet und gejagt. Fremde Tiere wurden ins Land gebracht und nicht heimische Pflanzen angebaut. Das bis dahin unberührte Neuseeland verschwand. War es das gute Recht der Siedler? Vielleicht sogar eine Notwendigkeit? Oder hatten sie jedes Augenmaß verloren - aus Rücksichtslosigkeit und Gier? Haben sie das Land zerstört? Oder haben sie es nur verändert? Ist nicht jede Veränderung auch zerstörerisch? Und wieviel ursprüngliches Europa steckt noch in Europa?
Dem Reisenden bläst der Wind in Wellington unerbittlich durch den Kopf. Hat er am Ende mehr Fragen als Antworten?
Unten am Hafen steht das "Te Papa Tongarewa", das gewaltige Nationalmuseum Neuseelands. Der Maori-Name heißt übersetzt "Ort der Schätze". Und diese werden auf sechs Etagen gezeigt - anziehend, lebendig, ohne Augen und Kopf zu überladen. Ein ganzes Stockwerk ist dem Einfluss des Menschen auf die Naturlandschaft Neuseelands gewidmet. Wie massiv und rasch sich dieser zeigt, kann man in Neuseeland besonders eindrucksvoll sehen. Bis vor 1.000 Jahren war dieses Land vollkommen isoliert und unberührt. Die Maori hinterließen die ersten nachhaltigen Spuren, und mit der Ankunft der europäischen Siedler vor gut 200 Jahren wurden diese Spuren tiefer. In nur einem Jahrtausend menschlicher Siedlungs-Geschichte verlor Neuseeland den Großteil seiner ursprünglichen Natur.
Die Ausstellung beschönigt nicht, sie klagt aber auch nicht an. Denn die Siedler mussten - um überleben zu können - das Land in ihrem Sinn kultivieren, die Maori ebenso wie die Europäer. Es wurde gerodet und gejagt. Fremde Tiere wurden ins Land gebracht und nicht heimische Pflanzen angebaut. Das bis dahin unberührte Neuseeland verschwand. War es das gute Recht der Siedler? Vielleicht sogar eine Notwendigkeit? Oder hatten sie jedes Augenmaß verloren - aus Rücksichtslosigkeit und Gier? Haben sie das Land zerstört? Oder haben sie es nur verändert? Ist nicht jede Veränderung auch zerstörerisch? Und wieviel ursprüngliches Europa steckt noch in Europa?
Dem Reisenden bläst der Wind in Wellington unerbittlich durch den Kopf. Hat er am Ende mehr Fragen als Antworten?
Mittwoch, 9. Dezember 2015
Mit dem Briefträger durch die Marlborough Sounds - Neuseeland
Jim bringt noch schnell den Rollator an Bord, ehe er den Dieselmotor startet. Eine ältere Frau draußen in den Sounds wartet schon dringend darauf. Jim ist Schotte, und er ist Skipper des Postbootes. Dreimal die Woche fährt er von Havelock aus verschiedene Routen durch die Marlborough Sounds. Er bringt die Post und versorgt die Leute mit dem Nötigsten: Lebensmittel, Schulbücher für den Heimunterricht, Spielsachen, Kleidungsstücke, Ersatzteile. Früher hatten sie auch Schafe und Hühner dabei, erzählt Jim. Aber das kommt kaum noch vor, denn heute gibt es fast keine Farmer mehr in den Sounds.
Menschen haben immer schon in diesen unzugänglichen Buchten gelebt. Bis 1918 fuhr ein staatliches Dampfschiff durch die Sounds. Kleine Ruderboote wurden da und dort zu Wasser gelassen und brachten die Post an Land. Danach wurde das Postboot verkleinert und privatisiert. Seither dürfen auch Touristen mitfahren - zwischen Postsäcken und Paketen, manchmal zwischen Schafen und Hühnern. Heute leben 44 Familien dort - ungefähr 100 Menschen. Sie leben ohne Straßen und ohne Strom, ohne Fernsehen, Internet und Handyempfang. Manche betreiben Muschelzuchten, andere vermieten ein, zwei Zimmer an Urlauber, einige sind in Pension und ein paar sind Künstler. Zu kaufen gibt es hier nichts. Alles, was zum Leben gebraucht wird, muss selbst hergestellt, angebaut oder vom Postboot mitgebracht werden.
An den meisten Anlegestellen machen wir gar nicht fest. Jim geht längsseits und läßt das Boot knapp vor dem Steg treiben: Postsäcke werden ausgetauscht, Pakete überreicht und jedes Mal kommt auch Jim aufs Vorschiff, um kurz zu plaudern. Dann setzt er zurück und fährt weiter. In einer Woche sehen sie sich wieder. Kurz nach Mittag halten wir bei Ed Abdool. Er ist nach dem Erdbeben aus Christchurch geflohen, hatte schon lange die Nase voll von Städten und zog mit Bill, seinem Hund, hierher. Bill ist jeden Dienstag als erster am Steg und wartet auf das Postboot - lange bevor es anlegt. Er vermisst Menschen offenbar mehr als Ed.
Der Himmel trübt sich ein, als wir am Abend zurückfahren und die kleine Marina von Havelock ansteuern. Havelock wurde von einem Schotten gegründet, erzählt Jim. Das war um 1860, und es gab nur drei Häuser hier. Im Goldrausch wuchs die Siedlung beträchtlich. Vor allem Hotels und Pubs schossen aus dem Boden. Heute leben knapp 500 Menschen in Havelock. Goldrausch gibt es keinen mehr, nur noch Muscheln. Und für die ist Havelock berühmt. Die schimmernden Grünschalmuscheln werden weltweit exportiert. Jim empfiehlt uns "The Mussel Pot" für den Abend, ein Restaurant in der Nähe des Hafens. Wir haben Jim den ganzen Tag vertraut, und wir vertrauen ihm auch jetzt. Zu Recht.
Menschen haben immer schon in diesen unzugänglichen Buchten gelebt. Bis 1918 fuhr ein staatliches Dampfschiff durch die Sounds. Kleine Ruderboote wurden da und dort zu Wasser gelassen und brachten die Post an Land. Danach wurde das Postboot verkleinert und privatisiert. Seither dürfen auch Touristen mitfahren - zwischen Postsäcken und Paketen, manchmal zwischen Schafen und Hühnern. Heute leben 44 Familien dort - ungefähr 100 Menschen. Sie leben ohne Straßen und ohne Strom, ohne Fernsehen, Internet und Handyempfang. Manche betreiben Muschelzuchten, andere vermieten ein, zwei Zimmer an Urlauber, einige sind in Pension und ein paar sind Künstler. Zu kaufen gibt es hier nichts. Alles, was zum Leben gebraucht wird, muss selbst hergestellt, angebaut oder vom Postboot mitgebracht werden.
An den meisten Anlegestellen machen wir gar nicht fest. Jim geht längsseits und läßt das Boot knapp vor dem Steg treiben: Postsäcke werden ausgetauscht, Pakete überreicht und jedes Mal kommt auch Jim aufs Vorschiff, um kurz zu plaudern. Dann setzt er zurück und fährt weiter. In einer Woche sehen sie sich wieder. Kurz nach Mittag halten wir bei Ed Abdool. Er ist nach dem Erdbeben aus Christchurch geflohen, hatte schon lange die Nase voll von Städten und zog mit Bill, seinem Hund, hierher. Bill ist jeden Dienstag als erster am Steg und wartet auf das Postboot - lange bevor es anlegt. Er vermisst Menschen offenbar mehr als Ed.
Der Himmel trübt sich ein, als wir am Abend zurückfahren und die kleine Marina von Havelock ansteuern. Havelock wurde von einem Schotten gegründet, erzählt Jim. Das war um 1860, und es gab nur drei Häuser hier. Im Goldrausch wuchs die Siedlung beträchtlich. Vor allem Hotels und Pubs schossen aus dem Boden. Heute leben knapp 500 Menschen in Havelock. Goldrausch gibt es keinen mehr, nur noch Muscheln. Und für die ist Havelock berühmt. Die schimmernden Grünschalmuscheln werden weltweit exportiert. Jim empfiehlt uns "The Mussel Pot" für den Abend, ein Restaurant in der Nähe des Hafens. Wir haben Jim den ganzen Tag vertraut, und wir vertrauen ihm auch jetzt. Zu Recht.
Montag, 7. Dezember 2015
Deutsches Brot - Neuseeland
Der Farewell Spit liegt im äußersten Norden der Südinsel - dort, wo die stürmisch-regnerische Westküste mit den sonnigen Buchten des Nordens zusammentrifft. Die Landzunge besteht nur aus Sand und wird jedes Jahr um 400 Meter länger. Sie krümmt sich wie eine Sichel um die noch weit offene Bucht. Wir fahren in Nelson los - die Tasman Bay entlang Richtung Norden. Es ist noch früh, und die Lust auf Kaffee schärft den Blick für Cafes am Straßenrand. "European Bakery & Cafe" lesen wir auf dem Schild eines Lokals in Motueka. So etwas gibt es in Europa nicht. Wir halten an.
Eine Tafel verspricht "German Christmas Stollen" und deutsches Brot. Nachdem wir schon über zwei Monate ausschließlich auf Weißbrot herumkauen, ist das eine verführerische Ankündigung. Wir kaufen ein, bestellen zwei Espressos und einen Krapfen. "Jam Donut" heißt er hier, sieht aber aus wie zu Hause - nur, dass ihn statt des Staubzuckers eine Schicht Kristallzucker bedeckt. Wenig später bringt die Kellnerin den Kaffee: "Und? Schmeckt er wie in Deutschland?" "Wir sind aus Österreich", antworte ich eilig schluckend. "Ach, das ist doch das Gleiche", sagt sie darauf und lächelt bemerkenswert arglos.
Wir unterdrücken den Anflug von Protest in unserer Gemütsregung und versuchen auch das Gefühl von Überlegenheit zu vermeiden, das Österreicher in Sachen Brot und Mehlspeisen gegenüber Deutschen immer wieder haben. Und siehe da, es tut gut! Wir dürfen uns auch mit einem deutschen Krapfen aus Neuseeland für einige Augenblicke zu Hause fühlen - und mit deutschem Brot, auf das wir uns schon freuen. Der Bäcker ist Deutscher. Aber es ist eine europäische Bäckerei, in der wir sitzen - keine deutsche, keine österreichische, keine tschechische. Und es ist ein kleines Stück europäisches Selbstverständnis auf der anderen Seite der Welt, das man in Europa selbst nur selten spürt.
In Marlborough werden seit einiger Zeit die ersten Jahrgänge Grüner Veltliner abgefüllt. Auch das ein Stück Heimat auf fremdem Boden. Noch fehlt ihm hier das geliebte "Pfefferl", die bezaubernde Würze eines weinseligen Abends in Retz. Vielleicht wird er sie auch nie bekommen. Vielleicht öffnet Neuseeland für den Veltliner eine neue Geschmackswelt, in der seine Herkunft nur noch von weit her spürbar ist. Von weit her kommt er ja auch. Aber eines ging schnell. Das "ü" sprechen die Weinbauern hier erstaunlich gut.
Eine Tafel verspricht "German Christmas Stollen" und deutsches Brot. Nachdem wir schon über zwei Monate ausschließlich auf Weißbrot herumkauen, ist das eine verführerische Ankündigung. Wir kaufen ein, bestellen zwei Espressos und einen Krapfen. "Jam Donut" heißt er hier, sieht aber aus wie zu Hause - nur, dass ihn statt des Staubzuckers eine Schicht Kristallzucker bedeckt. Wenig später bringt die Kellnerin den Kaffee: "Und? Schmeckt er wie in Deutschland?" "Wir sind aus Österreich", antworte ich eilig schluckend. "Ach, das ist doch das Gleiche", sagt sie darauf und lächelt bemerkenswert arglos.
Wir unterdrücken den Anflug von Protest in unserer Gemütsregung und versuchen auch das Gefühl von Überlegenheit zu vermeiden, das Österreicher in Sachen Brot und Mehlspeisen gegenüber Deutschen immer wieder haben. Und siehe da, es tut gut! Wir dürfen uns auch mit einem deutschen Krapfen aus Neuseeland für einige Augenblicke zu Hause fühlen - und mit deutschem Brot, auf das wir uns schon freuen. Der Bäcker ist Deutscher. Aber es ist eine europäische Bäckerei, in der wir sitzen - keine deutsche, keine österreichische, keine tschechische. Und es ist ein kleines Stück europäisches Selbstverständnis auf der anderen Seite der Welt, das man in Europa selbst nur selten spürt.
In Marlborough werden seit einiger Zeit die ersten Jahrgänge Grüner Veltliner abgefüllt. Auch das ein Stück Heimat auf fremdem Boden. Noch fehlt ihm hier das geliebte "Pfefferl", die bezaubernde Würze eines weinseligen Abends in Retz. Vielleicht wird er sie auch nie bekommen. Vielleicht öffnet Neuseeland für den Veltliner eine neue Geschmackswelt, in der seine Herkunft nur noch von weit her spürbar ist. Von weit her kommt er ja auch. Aber eines ging schnell. Das "ü" sprechen die Weinbauern hier erstaunlich gut.
Freitag, 4. Dezember 2015
Das Öl bleibt im Kopf - Neuseeland
Der Goldrausch ist längst vorüber, und Hokitika ist heute eine einsame Stadt. Wir verlassen hier die Westküste, fahren durch dichten Regenwald den Arthur's Pass hinauf und durch weitläufige, trockene Täler hinunter an die Ostküste. Oxford liegt am Weg und Waipara - ein kleines Tal mit Wein. Wir folgen einer Empfehlung und halten bei der Greystone Winery. Weinbauer Nik ist selbst im Verkostungsraum und schenkt uns ein Glas Sauvignon Blanc ein. Er erzählt, dass Weipara übersetzt "muddy water" heißen und der Kalkstein dem Wein hier einen ungewöhnlichen Geschmack geben würde. Er hat Recht. Ungewöhnlich gut.
Vor ein paar Jahren, als seine Frau schwanger war, habe er sie von allen Spritzmitteln, die im Weingarten verwendet werden, ferngehalten, erzählt er weiter. Und dann hatte er einen folgerichtigen Gedanken: Wenn all diese Spritzmittel für eine schwangere Frau gefährlich sein können, dann sollte man sie überhaupt nicht verwenden. Daraufhin stellte er seinen Betrieb auf biologischen Weinbau um. In der Zwischenzeit ist eine kleine Gruppe schnatternder chinesischer Damen eingetroffen. Eine von ihnen spricht ein paar Worte Englisch und bestellt Rotwein: Nein, nicht diesen, einen süßen bitte. Nein, diesen auch nicht, noch einen süßeren. Nik muss sie enttäuschen, einen richtig süßen hat er nicht. Sie kaufen ein Glas Honig und ziehen weiter. Auch wir verabschieden uns.
Kurz vor Kaikoura treffen wir wieder auf das Meer. Die Wellen des Pazifik brechen ruhig und rollen langsam auf die weiten, leeren Strände zu. Kaikoura lebt von den Walen. Allerdings werden sie heute nicht mehr gejagt. Sie werden nur noch betrachtet. Das tut den Walen gut. Den Menschen auch. Wir buchen zwei Plätze auf einem Boot und fahren am Morgen hinaus. Glück braucht man immer. Aber die Chancen stehen gut, dass wir Pottwale zu sehen bekommen. Der Kapitän weiß, wohin er fahren muss. Von Zeit zu Zeit schaltet er die Motoren aus, hält ein Sonar ins Wasser und lauscht aufmerksam. Dann springt er plötzlich auf, startet die Maschinen und rast eine Meile in Richtung des Geräusches, das er gehört hatte.
Seine Ohren waren gut und das Boot schnell genug. Der Wal ist gerade aufgetaucht. Fünf bis sechs Minuten wird er an der Wasseroberfläche liegen bleiben und atmen. Dann wird er abtauchen, eine halbe Stunde lang, 1.000 Meter tief. Gefangen wurden die Wale vor allem ihres Öles wegen. Ein einziger Pottwal hat davon bis zu zweieinhalb Tonnen in seinem massigen Kopf. Es gibt dem Wal mehr Stabilität und hilft ihm beim Tauchen. Den Menschen half es in der Nacht als Lampenöl und als Schmiermittel für mechanische Teile. Später hörte sich das auf. Wale werden hier nicht mehr gefangen. Verdanken sie ihr Überleben der menschlichen Einsicht? Oder verdanken sie es dem Erdöl?
Der liegende Wal sinkt unter die Wasseroberfläche, taucht ein weiteres Mal auf, biegt sich und verschwindet mit hochgestreckter Flosse im Ozean. Jetzt hat er Ruhe.
Mittwoch, 2. Dezember 2015
Die Tränen des Gletschers - Neuseeland
Zurück in Central Otago, erwartet uns ein wohltuend warmer Abend - unser erster in Neuseeland. Von Wanaka aus nehmen wir am nächsten Morgen die Passstraße zur regnerischen Westküste. Und sie wird ihrem Ruf gerecht. Es schüttet wie aus Kübeln, während wir in Haast Whitebaits essen, auf die man hier so stolz ist. Wir erwarten - ähnlich wie in Italien oder Kroatien - einen Teller leicht frittierter Ährenfische. Doch sie kommen hier als Omlette mit Toast auf den Tisch. Ein unerwartet wundervoller Lunch. Dann geht es weiter. Ein gutes Stück nördlich liegen zwei außergewöhnliche Gletscher - Fox und Franz Josef. Sie liegen auf nur 400 Meter Seehöhe und reichten früher einmal bis zum Meer. Wie so oft in Neuseeland wird über ein und dasselbe Naturereignis Unterschiedliches erzält. Dieses Mal über Franz Josef. Ein Gletscher, zwei Geschichten.
Die erste Geschichte erzählen Geologen, angefangen mit dem deutschen Naturforscher Julius von Haast, der 1822 in Bonn geboren wurde, später britischer Staatsbürger wurde, über Irrwege nach Neuseeland kam und die rätselhafte Idee hatte, den Gletscher nach dem österreichsichen Kaiser zu benennen. Franz Josef - so geht die Geschichte - verdanke seine Existenz dem Aufeinandertreffen zweier Kontinentalplatten. Diese hatten nämlich an der Westküste Neuseelands ein riesiges Gebirge aufgefaltet, an dem seither die warm-feuchten Luftmassen der Tasmansee abregnen und stark abkühlen. Dadurch - so die Wissenschaftler - entstand ein endloser Kreislauf des Eises, das langsam zu Tal fließt und wieder zu Wasser wird.
Anders erzählen die Maori die Geschichte. Sie handelt von Hinehukatere, einem Maorimädchen, das die Berge ebenso liebte wie Wawe. Jede freie Minute streifte sie durchs Gebirge, wanderte durch Täler und kletterte Felswände hoch. Wawe, ihr Geliebter, war nie dabei. Eines Tages aber gelang es ihr, ihn zu überreden, und er begleitete sie in die Berge. Doch Wawe war kein erfahrener Bergsteiger. Das Gebirge war ihm fremd und machte ihm Angst. Er war unsicher und ungeschickt. Und so kam es, dass er - war es eine Lawine, die ihn in die Tiefe riss, oder war es einfach ein falscher Schritt? - über eine Klippe in den Tod stürzte. Hinehukatere war verzweifelt. Sie konnte ihn nicht mehr retten, sie konnte nur noch um ihn weinen. Die Tränen rannen über ihre Wangen, sie rannen über die Steine und wurden zu einem Strom, der ins Meer floss. Als die Götter das sahen, ließen sie den Tränenfluss zu Eis gefrieren und bewahrten so einen sichtbaren Ausdruck dieser Liebe in der Natur.
Wir müssen uns nicht entscheiden, welche Geschichte besser, passender oder schöner ist. Wir dürfen beide hören - und weiter erzählen.
Die erste Geschichte erzählen Geologen, angefangen mit dem deutschen Naturforscher Julius von Haast, der 1822 in Bonn geboren wurde, später britischer Staatsbürger wurde, über Irrwege nach Neuseeland kam und die rätselhafte Idee hatte, den Gletscher nach dem österreichsichen Kaiser zu benennen. Franz Josef - so geht die Geschichte - verdanke seine Existenz dem Aufeinandertreffen zweier Kontinentalplatten. Diese hatten nämlich an der Westküste Neuseelands ein riesiges Gebirge aufgefaltet, an dem seither die warm-feuchten Luftmassen der Tasmansee abregnen und stark abkühlen. Dadurch - so die Wissenschaftler - entstand ein endloser Kreislauf des Eises, das langsam zu Tal fließt und wieder zu Wasser wird.
Anders erzählen die Maori die Geschichte. Sie handelt von Hinehukatere, einem Maorimädchen, das die Berge ebenso liebte wie Wawe. Jede freie Minute streifte sie durchs Gebirge, wanderte durch Täler und kletterte Felswände hoch. Wawe, ihr Geliebter, war nie dabei. Eines Tages aber gelang es ihr, ihn zu überreden, und er begleitete sie in die Berge. Doch Wawe war kein erfahrener Bergsteiger. Das Gebirge war ihm fremd und machte ihm Angst. Er war unsicher und ungeschickt. Und so kam es, dass er - war es eine Lawine, die ihn in die Tiefe riss, oder war es einfach ein falscher Schritt? - über eine Klippe in den Tod stürzte. Hinehukatere war verzweifelt. Sie konnte ihn nicht mehr retten, sie konnte nur noch um ihn weinen. Die Tränen rannen über ihre Wangen, sie rannen über die Steine und wurden zu einem Strom, der ins Meer floss. Als die Götter das sahen, ließen sie den Tränenfluss zu Eis gefrieren und bewahrten so einen sichtbaren Ausdruck dieser Liebe in der Natur.
Wir müssen uns nicht entscheiden, welche Geschichte besser, passender oder schöner ist. Wir dürfen beide hören - und weiter erzählen.
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